Hoffenheims Fußballstars geben nun Autogramme auf Graspapier

15. Jan. 2019

Autor

GreenCycle

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Autogrammkarte aus Graspapier

Dennis spielt eine zentrale Rolle im Team der TSG Hoffenheim. Ohne ihn läuft hier nichts rund. Er kennt jeden Winkel des Platzes. Ihm geht nie die Puste aus. Wenn er auf dem Rasen steht, werden später Träume wahr.

Aber warum holt ihn Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann nicht ins Startaufgebot? Mit seinen 100 Kilo könnte der Modellathlet mit eiserner Lunge gut in die Abwehr passen. Doch was ihm fehlt ist die Spritzigkeit und eine gewisse Grundschnelligkeit. Denn seine sechs bis sieben Kilometer auf dem Feld spult er immer nur in Schrittgeschwindigkeit ab. Und dabei wird er auch noch geschoben.

Dennis ist ein Hochleistungsrasenmäher; genauer gesagt: ein Hand-Spindelmäher. Er kommt vor den Spielen zum Einsatz. „Für den optimalen Rasen sind zwei unserer Mitarbeiter fast drei Stunden mit dem Rasenmähen beschäftigt, in der Wachstumsperiode sind Sie täglich unterwegs“, erklärt Maik Grimm, Leiter Greenkeeping der TSG.

Der Rasen im Stadion wird nun nachhaltig wiederverwertet

Nach den Spielen wird der Rasen mit einem Handsichelmäher gemäht, um die von den Stollen aufgewirbelte Erde gleich mitabzusaugen. Sowohl der „Rasenschnitt“ als auch der „Spielschnitt“ — so nennt man im Greenkeeper-Jargon das Mähgut — wurde bisher in große Container geschaufelt und zur Abfallentsorgung gebracht.

Gerade im Frühling und im Sommer kommt im Stadion eine erhebliche Menge an Rasenschnitt zusammen. Grimm: „Im Schnitt füllen wir alle zwei Wochen einen fünf Kubikmeter großen Container. Manchmal läuft der aber auch schon innerhalb einer Woche über.“ Vollgepackt sind die Container bis zu 2,5 Tonnen schwer. So viel wiegt ungefähr der komplette Kader der TSG Hoffenheim.

Aus Grasschnitt entsteht ein Wertstoff

Seit Anfang November 2018 entsteht aus dem Schnittgut ein wertvolles Ausgangsmaterial für ein ganz besonders Papier — ein Papier, in dem viel „TSG“ steckt; das im Training, bei Abwehrschlachten und Kantersiegen dabei war.

„Nachhaltigkeit spielt in unserem Verein eine große Rolle. Das Besondere am Graspapier ist, dass wir uns mit diesem bodenständigen Produkt voll identifizieren können und wir damit einen weiteren Beitrag zum Umweltschutz leisten“, sagt Peter Görlich, Geschäftsführer der TSG Hoffenheim.

Das Graspapier passt perfekt zu den Nachhaltigkeitszielen der TSG Hoffenheim

Tobias Maier, Umweltexpertevon Greencycle, stellte die Verbindung zwischen der TSG Hoffenheim und dem Graspapier-Startup Creapaper in Hennef her. Maier: „Nachhaltige Autogrammkarten aus eigenem Stadionrasen – Für die TSG Hoffenheim ist diese Kombination wie ein Elfmeter ohne Torwart.“

Bei Creapaper in Hennef wird die Lieferung aus Sinsheim schon sehnsüchtig erwartet. Noch heute soll das Gras aus Sinsheim in kleine Pellets gepresst werden. Denn in der Papierfabrik und in der Druckerei wird bereits alles vorbereitet, um in ein paar Tagen die Autogrammkarten von Julian Nagelsmann auf dem TSG-Graspapier zu drucken.

Graspapier enthält keine Chemie

Seit 2009 forscht Uwe D´Agnone, der Gründer von Creapaper, an Materialien, Techniken und Workflows, um Graspapier neben dem Altpapier als besonders nachhaltiges Papier zu etablieren. „Im Gegensatz zum herkömmlichen Papier, für das viel Energie, Wasser und Chemie zum Einsatz kommen, ist Graspapier das ökologischste Papier: Die energieschonende Herstellung spart bis zu 75 Prozent CO2, die Materialien werden nicht chemisch behandelt und wir benötigen für eine Tonne Papier statt 6.000 Liter nur etwa zwei Liter Wasser“, erklärt D´Agnone.

Der Auftrag der TSG Hoffenheim ist für das Creapaper-Team besonders. In der Regel wird das Heu von vielen regionalen Ausgleichsflächen gesammelt, bei Creapaper gemischt und nach einer mechanischen Aufbereitung zu Pellets gepresst. Das Graspapier der TSG Hoffenheim soll aber ausschließlich das eigene Hochleistungsgras enthalten. Im Werk von Creapaper werden daher die Lieferungen aus Sinsheim separat gehalten.

Mechanische Aufbereitung des Graspapiers spart viel Energie

Zunächst wird das Heu in einem Zyklon mit Luft gereinigt. Etwa zwei Prozent Fremdpartikel werden in diesem Prozess herausgefiltert. Dann wird das Heu auf Faserlänge von 0,7 mm geschnitten und wortwörtlich „plattgehämmert“. In der Fachsprache nennt man das „Auffasern“.

In der Pelletmaschine wird das gemahlene Stadiongras nun zu kleinen, etwa 2 cm langen Stäbchen, den Pellets gepresst. Umgepresst wären die Fasern zu leicht für den späteren Papierherstellungsprozess; sie würden unbeeindruckt auf dem Zellstoff schwimmen.

Warum die Graspellets nicht gleich im Stadion pressen?

In der ersten Phase der Graspapierproduktion der TSG besteht das Papier aus bis zu 30 Prozent Gras. Ein höherer Anteil bis zu 50 Prozent wäre technisch möglich, doch im Winter ist die Grasausbeute eher mager.

In den Wachstumsperioden sieht es anders aus. Dennis und die Greenkeeper laufen dann auf Hochtouren. Später könnte es sich sogar lohnen, direkt im Stadion Graspellets zu pressen, sagt Greencycle-Experte Maier: „Je weniger Luft wir transportieren, desto nachhaltiger“.

Papier mit feinen goldenen Heufäden

Die gepressten Graspellets sind in der Papierfabrik angekommen. War es zu Anfang ein Wagnis, Grasfasern in den technischen Anlagen mit einem Wert von einer halben Milliarde Euro zu Papier zu verarbeiten, gehört die Graspapierproduktion dort mittlerweile zum Tagesgeschäft. Die Produktion der TSG-Autogrammkarten bereitet wenig Probleme und geht zügig voran.

Die Pellets aus dem Stadiongras werden in den „Pulper“ gegeben. Das ist ein großer Bottich, in dem aus den Graspellets, Recyclingfasern und Wasser ein Stoffwassergemisch hergestellt wird. Danach durchläuft diese Fasermischung den gewohnten Weg durch die Papiermaschine. Das Blatt wird „gebildet“: Zunächst wird das Wasser herausgepresst, dann in 55 Meter Länge über einem Trockenzylinder bei etwa 120 Grad Celsius getrocknet, dann auf Rollen aufbereitet und zur Druckerei geschickt.

Das Graspapier wird unterschrieben — und ein nachhaltiger Kreislauf geschlossen

Für die Druckerei sind die angelieferten Graspapierrollen lediglich „Papier“.  Nach dem Druck werden die Autogrammkarten verpackt und zur PreZero-Arena geschickt. Jetzt müssen sie nur noch von den Spielern eigenhändig unterschrieben werden.

Dennis wird als Hochleistungsrasenmäher nie im Team von Julian Nagelsmann spielen. Aber er wird immer wichtiger im Team. Aus einem notwendigen Übel — dem Kampf gegen den Rasenwuchs — ist nun die Ernte eines kostbaren Rohstoffs für die TSG Hoffenheim geworden.

Hochleistungsrasenmäher „Dennis“